Theater-Aktivitäten an der Jüdischen Oberschule:
Schüler inszenieren die Gegenwart
Seit 1995 inszeniert Wolfgang Scharte an der Jüdischen Oberschule mit seinen Theaterkurs immer wieder moderne Stücke, bringt so die Realität auf die Bühne und lässt zuerst die jugendlichen Darsteller und dann uns als Zuschauer einen Blick in ganz andere Welten werfen.
Wir erinnern uns gern an die „Spurensuche“, mit der DS-Lehrer Wolfgang Scharte und die Schauspielerin Johanna Kaiser mit dem Theaterkurs der JOS den Spuren der eigenen jüdischen Identität folgten. Dieses Stück war so erfolgreich, dass die Theatergruppe nicht nur von zwei jüdischen Gemeinden in England eingeladen wurde, es dort aufzuführen. Es wurde auch ein Dokumentarfilm darüber gedreht.
Auch mit der Inszenierung von Myron Levoys „Der gelbe Vogel“ thematisierte Scharte zusammen mit seinen Schülern die unmittelbare jüdische Geschichte und Gegenwart.
Trifft man die Schüler von damals, schwärmen die Studenten von heute immer noch von den unschätzbaren Erfahrungen, die sie im Theaterunterricht bei Wolfgang Scharte machen durften. Die vielen verschiedenen Stücke, die die große Welt des Theaters auf die kleine Bühne in der oft bis zum Bersten vollen Aula der JOS holten, können hier nicht alle aufgezählt werden. Aber nach dem großen Erfolg von „Biedermann und die Brandstifterinnen“ betrat Scharte mit seinen Schülerinnen und Schülern des Abiturjahrgangs 2007 Neuland, denn sie bearbeiteten nicht etwa ein Stück und brachten ihre Vorstellungen ein. Nein, sie schrieben ihr Stück „Casting“ gleich selbst und zeigten damit eine sehr kritische Sicht auf die Popstars-Träume, die so viele ihrer Altersgenossen träumen.
In ähnlicher Weise setzte Wolfgang Scharte die Theaterarbeit an der JOS fort und erarbeitete mit den Schülern des Abiturjahrgangs 2009 in zwei langen Jahren ein Stück, das aktueller nicht sein kann.
„Ah, Ida!“ eine Komödie in zwei Akten stammt aus der Feder von Georg Menro.
Die sechs Schülerinnen und Schüler der Theaterkurses diskutierten die Originalfassung und Josefine Welsch adaptierte dann den Text von Menro, sodass er nicht nur den Ideen der jugendlichen Schauspieler entsprach, sondern auch einen außergewöhnlichen Bezug zur gegenwärtigen Finanzkrise aufweist.
Die Firma von Udo von Herrenstein „Bullock“ steht wegen eben dieser Finanzkrise kurz vor dem Ruin. Um ihrem Sohn zu Hilfe zu kommen, stattet ihm Liselotte Herrenstein einen Besuch ab. Auch seine Schwester Agatha, eine Designerin, die nicht ganz so erfolgreich ist, wie sie es gerne wäre, kommt zu Besuch. Wirklich hilfreich sind jedoch beide nicht und als dann auch noch der golfbesessene Nachbar und die Sozialarbeiterin Ida, die eigentlich keine ist und sich um ihn kümmert, in sein Leben treten, ist das Chaos perfekt.
Aaron Fiedler brillierte in der Rolle des Udo von Herrenstein, zeigte großen Einsatz und brachte so eine Figur auf die Bühne, dessen Sorgen und Nöte für jeden Zuschauer nachvollziehbar erschienen. Sein raumgreifendes Agieren sparte nicht mit großen Gesten, die vom nachhaltigen und langatmigen Fluchen über das (nicht geplante) Zertrümmern eines Bilderrahmens bis hin zu seiner Ermordung nicht an Glaubwürdigkeit verloren.
Als seine Gegenspielerinnen traten Rachel Pekker als Mutter, Valeriya Friedman als seine Schwester Agatha und Josefine Welsch als Ida auf. Diese drei Damen hielten Udo während der neunzigminütigen Aufführung in Atem. Rachel Pekker zeigte eine intrigante, selbstverliebte Mutter, deren eigenen Interessen vor denen ihres Sohnes stehen. Mit ihrer Tochter Agatha hat sie gemein, dass sie sich mehr für Männer als für die Familie interessiert. Valeriya und Josefine zeigen in ihrem Spiel eindrucksvoll und realitätsnah, dass Agatha nicht nur mit der eigenen Mutter, sondern auch mit Ida konkurriert. Dass Agatha sich unerwarteter Weise auch noch in Ida verliebt, die sich als „armes reiches Mädchen“ und Tochter des Millonärs Scotty entpuppt, macht das Chaos, das inszeniert werden sollte, komplett.
Alexander Beribes erbringt mit seiner Verkörperung des steinreichen Scotty, auf den Liselotte ein Auge geworfen hat, eindrucksvoll den Beiweis dafür, dass eine Nebenrolle, die doch im Englischen weitaus treffender supporting actor, unterstützender Schauspieler, genannt wird, wirklich das Spiel der Hauptdarsteller unterstützt. Seine bis in die Feinheiten des schottisch-amerikanischen Akzents hinein hervorragend einstudierte Rolle weckte die Erinnerung an einen Rabbiner, der mit seinen gleichnishaften Erzählungen die große Welt im Kleinen erklärt.
Das gelungene Spiel der fünf Akteure wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung Maximillian Zellerhoff an der Beleuchtung und Irina Shabaeva in der Garderobe und Leon Ehrlich an der Technik.
Als am Ende die Schauspieler und ihre Regisseur Wolfgang Scharte auf der Bühne den wohl verdienten Applaus in Empfang nahmen, wurde sogar „Zugabe“-Rufe laut, so herzlich hatte sich so mancher Zuschauer amüsiert und das hat Theater schon in anderen Krisensituationen vermocht: Angesichts des Chaos in der Realität amüsieren und den Zuschauer für einen kurzen Augenblick aus der Realität entführen.
Text: Hauke Cornelius